Während Politiker oft schon das Schweigen der Waffen als Erfolg feiern, ist für die Politikwissenschaft nachhaltiger Frieden untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit und dem Abbau von Diskriminierung verbunden.

Lange Zeit wurde in Europa, insbesondere nach Ende des Zweiten Weltkriegs, der Eindruck gewonnen, Frieden sei die Norm. Allerdings weisen Fachleute wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der Archäologe Lawrence Keeley oder der Militärhistoriker Azar Gat darauf hin, dass diese Phase historisch eher eine Ausnahme darstellte und Gewalt oft der prägende Faktor menschlicher Geschichte war. Folglich ist Frieden kein Naturzustand, der einfach so existiert. Vielmehr müssen Politik und Gesellschaft kontinuierlich daran arbeiten, ihn aufrechtzuerhalten, indem Konflikte ohne Gewalt und auf Basis geltenden Rechts bearbeitet werden.  

Frieden als Daueraufgabe: Warum der Weg das Ziel ist

Frieden ist also kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer, fortlaufender und fragiler Prozess, der stetig gegen neue oder sich wandelnde Herausforderungen abgesichert werden muss. Immanuel Kant, der unsere heutige Vorstellung von Frieden maßgeblich prägte, sah ihn als politisches Projekt, das aktiv durch Recht und Verträge geschaffen werden muss. Seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) bildete im Kern die Grundlage für moderne Konzepte wie das Völkerrecht, den Staatenbund oder die Republik als friedensstiftende Staatsform. Schon in Kants Verständnis kehrt nicht automatisch Frieden ein, wenn militärische Kämpfe vorbei sind.

Johan Galtung, der geistige Vater der modernen Konflikt- und Friedensforschung, unterscheidet deshalb zwischen negativem und positivem Frieden. Unter Ersterem versteht er die Abwesenheit von direkter, körperlicher Gewalt wie Mord, Folter, Vergewaltigung oder Bombardements. Es schweigen zwar die Waffen, doch die zugrunde liegenden Konflikte sind oft nicht gelöst. Es ist ein Zustand des „Nicht-Kriegs“, der auch strukturelle Gewalt beinhalten kann. Sie ist in der Regel schwer erkennbar, weil es keinen direkten Täter gibt und sie in Institutionen, Gesetzen und Regeln eingebettet ist, die tief in gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen verankert sind. Langfristig können Menschen dadurch in ihrer Lebensentfaltung systematisch eingeschränkt werden, wodurch alte Konflikte verschärft und neue geschürt werden.

Wenn Friede soziale Kälte bedeutet:  Die McCarthy-Ära im Schatten des Ost-West-Konflikts

Im Kalten Krieg zum Beispiel wurde zwar der Einsatz militärischer Mittel zwischen den Machtblöcken vermieden, aber dafür gab es einen ungelösten Konflikt voller Spannungen und struktureller Gewalt. Um zu verhindern, dass die Freiheiten westlicher Systeme durch eine kommunistische Unterwanderung dazu missbraucht werden, diese von innen heraus zu destabilisieren oder im Sinne der UdSSR zu beeinflussen, schränkten Staaten Grundrechte ein. Der McCarthyismus, eine von Senator Joseph McCarthy in den USA losgetretene antikommunistische Kampagne, beschnitt in den frühen 1950er Jahren die verfassungsmäßigen Rechte Tausender US-Bürger wegen ihrer angeblichen oder tatsächlichen politischen Gesinnung. Darunter die Meinungs-, Versammlungs- und Berufsfreiheit oder das Recht auf Arbeit. Nicht nur Prominente, sondern auch ganz normale Menschen wie Angestellte, Arbeiter, Lehrer, Professoren, Beamte oder Gewerkschafter wurden ohne Beweise verfolgt, diffamiert und beruflich ruiniert.

Aber auch kulturelle Gewalt ist mit negativem Frieden eng verbunden. Sie nutzt kulturbezogene Elemente und Ausdrucksformen wie Traditionen, Sprache, Kunst, Medien, Religion, Werte oder Ideologien zur Legitimation und Rechtfertigung von direkter und struktureller Gewalt. Sie macht beides gesellschaftlich akzeptabel. In der McCarthy-Ära wurden staatliche Repressionen gegen eine angebliche Unterwanderung und zum Schutz der US-Demokratie gezielt durch eine Rhetorik der existenziellen Bedrohung und moralischen Notwendigkeit legitimiert. So wurden etwa durch Begriffe wie „unamerikanisch“ politische Meinungen als staatsfeindlich oder als Verrat an der nationalen Identität umgedeutet, um Sachverhalte, Ideen, Gruppen oder Personen psychologisch wie gesellschaftlich zu ächten und sozial auszugrenzen. Unterm Strich zeigte die McCarthy-Ära, wie die Erosion von Bürgerrechten, die Aushöhlung demokratischer Werte sowie die Torpedierung von Existenzen, Karrieren und Beziehungen Spannungen erzeugt und spürbar verschärft. Anstatt gesellschaftliche Widersprüche im demokratischen Konsens zu lösen, wurden sie durch ein Klima von Angst und Misstrauen unterdrückt, was zu einem Zustand sozialer Kälte und einer Polarisierung der Gesellschaft führte, die über Jahrzehnte nachwirkte.

Anders als sein negatives Pendant, das lediglich die Unterbrechung von direkter Gewalt umfasst, zielt positiver Friede darauf ab, die Ursachen von Gewalt auszuräumen. Er geht also über die bloße Abwesenheit von direkter, insbesondere auch kriegerischer Gewalt hinaus und verweist auf eine Kultur des Friedens. Sie lebt und fördert im Alltag Werte wie Toleranz, Empathie, Respekt, ein friedliches Miteinander oder Zivilcourage bei Ungerechtigkeiten, Diskriminierung oder Mobbing.

Nachhaltiger Frieden durch soziale Gerechtigkeit

Positiver Friede beschreibt folglich einen Zustand sozialer Gerechtigkeit, in dem die Ursachen strukturell bedingter Ungerechtigkeiten durch Menschenrechte aber auch Dialog, Kooperation, Mediation und andere gewaltfreie Methoden beseitigt werden. Eng damit verbunden ist die Bekämpfung kultureller Gewalt, indem unter anderem Einstellungen, Vorurteile, Stereotype, gesellschaftliche Normen und Werten die einem positiven Frieden entgegenstehen einen Wandel erfahren. In die gleiche Richtung wirkt die Schaffung gerechter Machtverhältnisse, aber auch eine Friedenspädagogik die über Gewaltmechanismen aufklärt, Empathie, kritisches Denken und Deeskalationskompetenzen fördert, um gewaltbejahende Haltungen abzubauen.

Ein Beispiel für positiven Frieden ist nach Johan Galtung und dem Global Peace Index der nordische Inselstaat Island, der wegen seiner niedrigen Kriminalitätsrate, dem geringen Wohlstandsgefälle, der hohen sozialen Stabilität, dem ausgeprägten Vertrauen in staatliche Institutionen und dem fehlenden stehenden Militär seit 2008 als friedlichstes Land der Welt gilt.

 

 

 

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